Ein Email-Gespräch mit Adrian Piper

© Adrian Piper Research Archive Foundation Berlin. © APRA Foundation Berlin
© Adrian Piper Research Archive Foundation Berlin. © APRA Foundation Berlin

Seit wenigen Tagen zeigt der Hamburger Bahnhof, das Museum für Gegenwartskunst in Berlin, Adrian Pipers Werk „The Probable Trust Registry“. In ihm können die Besucher einen Vertrag mit sich selbst abschließen, der besagt, dass man „immer zu teuer sein wird, um gekauft zu werden“, „immer das meint, was man sagt“ oder „immer das tuen wird, was man sagt“. Um die Aufmerksamkeit beim Kunstwerk zu lassen, kam die Künstlerin und Philosophin selbst nicht zur Pressekonferenz – war aber bereit, Fragen per Email zu beantworten:

In einem Brief an Herrn Kittelmann erwähnten Sie, dass die Bedeutung des Werks unabhängig vom Ort der Ausstellung unverändert bleibt. Ich frage mich, ob Ihr Register in der Vorhalle der Deutschen Bank vielleicht doch eine andere Autorität besitzt als im Museum? Könnten Sie hier vielleicht darauf eingehen, warum Sie denken, dass der Inhalt des Werkes unabhängig vom Ort gleich bleibt?

Piper: „The Probable Trust Registry: The Rules of the Game #1-3“ (TPTR) hat zwei Aspekte: Es ist sowohl eine Group Performance als auch eine Installation. Meine Meinung über die Invarianz der Bedeutung von TPTR basiert auf der unveränderten Dynamik des Group Performance Aspekts des Werkes. Egal in welchem gesellschaftlichen Kontext man sich findet, beschreibt TPTR immer dieselbe Herausforderungen: stellt man sich wahrhaftig dar oder nicht? Drückt man in seinen Aussagen und Handlungen seine echten Werte aus oder nicht? Beschützt man dabei diese Werte, oder betrügt man sie – und somit sich selbst? Dementsprechend sind die langfristigen Konsequenzen dieser Entscheidungen immer vorhersehbar: je mehr man seine eigene Wahrhaftigkeit betrügt, desto weniger glaubwürdig wird man, und desto weniger vertrauenswürdig wird man angesehen werden, sowohl von anderen als auch von sich selbst. Je mehr Menschen in der Gemeinschaft sich ähnlich so verhalten, desto weniger werden gegenseitige Erwartungen erfüllt werden können, und desto weniger stabil und friedlich wird die Gemeinschaft werden. Wenn es zu viel Betrügerei und Heuchelei, Selbsttäuschung und Fälschung unter den Mitgliedern der Gemeinschaft gibt, wird die Gemeinschaft letztendlich an Ungewißheit, Mißtrauen, Angst und Unordnung scheitern. Man ist dann innerhalb einer wahnhaften und brutalen Welt gefangen, in der es scheint, daß jeder unzuverlässig ist. Dagegen kann man sich nur schützen, indem man auch unzuverlässig ist. Das ist ein Teufelskreis, aus dem es nicht leicht ist, auszusteigen. Diese Regelmäßigkeiten gelten überall, egal ob sie innerhalb einer Ehe oder eines Bündnis, eines Marktes, einer Firma oder eines Staats stattfinden. Dagegen kämpft TPTR in jedem Kontext.

Es kann wohl sein, daß das TPTR Register eine andere Autorität in der Vorhalle der Deutschen Bank hätte, als im Museum. Aber andere Autorität bedeutet nicht andere Bedeutung. Denn die Bedeutung des Werks hängt davon ab, wie man auf diese Herausforderungen des TPTR reagiert, d.h., wie man an der Group Performance teilnimmt – und man nimmt teil daran, egal ob man sich entscheidet, irgendeinen der drei Verträge zu unterschrieben oder nicht. Ihre Frage bezieht sich auf den Installationsaspekt des Werks. Sie deuten richtig an, daß die Installation des TPTR einen unterschiedlichen Nachdruck hätte, abhängig davon, ob es in eine Kita oder einen Supermarkt, eine Bank, ein Rathaus oder ein Museum gestellt worden wäre. Aber die Herausforderungen dem Zuschauer gegenüber, die Alternativen, die TPTR ihm/ihr anbietet, und die langfristigen Konsequenzen dieser Entscheidungen sind immer dieselbe, unabhängig vom bestimmten Kontext.

Ihre drei Spielregeln basieren auf verschiedenen Aktivitäten – wenn die erste sich mit der eigenen Integrität auseinandersetzt, geht es in der zweiten um das Verbalisieren und in der dritten um die Aktion. Können Sie kurz anschneiden, welche philosophischen Texte Sie für eine Auseinandersetzung mit diesen Aussagen inspiriert haben?

Piper: Zuerst möchte ich etwas über den Begriff von Integrität sagen. Es ist zwar sinnvoll, Integrität als reinen inneren Zustand zu definieren, in dem man seine echte Werte anerkennt, und sie als Maßstabe verwendet, um die externe Welt zu beurteilen, auch wenn man äußerlich nichts darüber sagen oder tun kann, sie zu ändern. Das ist eine Haltung, zu der man unter extrem schrecklichen Umständen gezwungen ist – z.B. wenn verbaler oder aktiver Widerstand das Leben seiner Familie kosten würde, oder wenn man dafür brutal gefoltert werden würde. Vergleichbar ist die Lage für Afroamerikaner vor dem amerikanischen Bürgerkrieg und viele Jahrzehnten danach. Auch die Situation für viele Deutsche während der Nazizeit ist ähnlich. So ist nun auch die Lage für viele im Mittleren Osten, die für Demokratie und gegen die Diktatur sind. Das sind nur ein paar Beispiele von den Umständen, unter denen persönliche Integrität ausschließlich bis zum inneren Raum des Geistes eingeschränkt werden muss.

Meiner Meinung nach ist dieser Begriff von Integrität für normale Situationen dennoch nicht ausreichend. Denn sie setzt eine Spaltung voraus, zwischen inneren Zustand und äußeren Umständen, als könnten wir nur für unsere Gedanken und nicht für unsere Aussagen und Handlungen verantworten, als gehörten unsere Behauptungen und Verhalten gar nicht uns, sondern den äußeren Umständen – anderen Menschen, zum Beispiel – mit denen wir innerlich nichts zu tun hätten. Das ist eine schmerzvolle Entfremdung vom Selbst. Denn das, was der Körper sagt und tut, ist im besten Fall ein natürlicher Ausdruck des Geistes, wie er denkt und fühlt. Aus einer solchen Spaltung dazwischen können Gespenste ohne Wirkung und Automaten ohne Einstellung entstehen. Da wären wir auf keinem guten Weg.
Derartige Integrität, die TPTR anbietet aufzubauen, zielt mittels der drei Rules of the Game auf eine Einheit zwischen dem geistlichen und dem körperlichen Zustand des Menschen ab: in dem der Gedanke den Aussagen, die Aussagen den Handlungen, und somit der Gedanke der Handlung entspricht. Je näher die drei verbunden sind, desto schwieriger ist es, sich so unter Druck von äußeren Umständen setzen zu lassen, daß irgendeiner diese wesentlichen Teile des Selbst verloren geht. Diese Verbundenheit ist gleich eine Verankerung des Geistes in der sachlichen Wirklichkeit – eine Verankerung, die seine eigene Autorität trägt. Daher ist diese Art Integrität gleich schwieriger zu erreichen, teuerer beizubehalten, und wertvoller.

Die philosophischen Texte, die ich am meisten unter die Lupe genommen habe, sind Kants Kritik der reinen Vernunft und seine Grundlegung zur Metaphysik der Sitten. Aber ihre Beziehung zu TPTR konnte ich nicht so genau feststellen, denn meine Arbeitsverfahrensweise ist vielmehr intuitiv als intellektuell. Eine Idee fällt mir ein,und schwup – fange ich an, sie zu bearbeiten. 2008 habe ich einem Kapitel von Rationality and the Structure of the Self, Volume I: The Humean Conception eine Analyse von Hobbes, Sidgwicks und Mills den Lösungen des Problems des Schwarzfahrens gewidmet und 2012 habe ich einen Artikel über Kants Lösungen veröffentlicht. Beide beschäftigen sich mit denselben Themen wie TPTR. Aber da habe ich keinen bewußten Zusammenhang mit TPTR gesucht oder gefunden. Es ist schwierig, in diesen interessanten Zeiten, nicht darüber zu grübeln, wie gesellschaftliches Vertrauen unter Menschen überhaupt geschaffen werden kann.

Das Interview führte Lorina Speder. Im Rahmen dessen erschien ein weiterer Artikel in der taz.
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