Premiere Staatsoper// La Damnation de Faust

Es beginnt mit einem Knall vor dem glatten, schwarzen Vorhang: Méphistophélès entspringt dem Rauch in Menschengestalt und beginnt die Premiere von Hector Berlioz‚ “La Damnation de Faust” in der Staatsoper im Schillertheater. Der teuflische Hauptdarsteller, der von Florian Boesch ausgesprochen überzeugend verkörpert ist, bleibt stets in Begleitung seiner schwarzen, organisch-an-ihm-hängenden Entourage von Tänzern und mischt sich unter das Geschehen auf dem Podium.

Das erste Bühnenbild, welches auf romantisch-kitschige Art ein dreidimensionales Caspar David Friedrichs Gemälde sein könnte, bildet Fausts Naturausflug in Ungarn ab. Er wird von Méphisto beobachtet, ist aber ganz bei sich. Faust wird heute Abend von dem großartigen Charles Castronovo dargestellt. Er ist durch das leuchtend orangefarbene Haar als ein verrückter Wissenschaftler dargestellt, der auf der Suche nach seiner Lebensformel ist.

Dabei lässt Terry Gilliam, der durch die britische Komikergruppe Monty Python bekannt ist, Fausts Formelsuche in der Inszenierung anhand von Zahlengewirr und Da Vinci’s vitruvianischen Menschen immer wieder aufleuchten. Die wohl eindrücklichste Kulisse in der Vorstellung wird das Labor Fausts sein. Ein mit fluoreszierenden Kästen ausgeschmückter Tunnel ist mit den glänzenden Formeln des Wissenschaftlers vollgeschrieben – man könnte meinen, das alleinstehende Bühnenelement gleiche Fausts Gedanken. Genauso isoliert wie diese sind, ist auch Faust in seinem Labor abgeschottet und gefangen – er kann nur durch das Auftauchen Méphistos herausgezogen werden.

© Staatsoper Berlin

Neben diesen brillianten Kulissen-Momenten wählt Gilliam mit dem Querverweis zur Historie des Nationalsozialismus in Deutschland einen sensiblen Fokus. Das Publikum ist auf fast unangenehme Weise ständig damit konfrontiert. Nach dem ersten Bühnenbild gibt es so gut wie keine Momente mehr, in denen die Hakenkreuze oder Wehrmachtsuniformen fehlen. So wird Margarethe als eine Jüdin inszeniert, die von den Nazis abtransportiert wird. Als das von der Mezzosopranistin Magdalena Kožená dargestellte Gretchen in ihrem Zimmer das Lied des Königs von Thule mit Bravur anstimmt, warten unten auf der Straße schon die Soldaten auf sie. Méphisto ist dabei der Diktator, der die Massen in der Hand hat. Auch wenn die Soldaten und der Teufel in einer Schlussszene in der roten Unterwelt schmoren und der Untergang des dritten Reichs dargestellt wird, befriedigt das Ende nicht. Da hilft auch nicht Gretchens Seele, die allein angestrahlt und umringt von den singenden Knaben im Anzug endlich befreit ist.

Die plakative Kulisse nimmt der Geschichte Goethes etwas weg. Freilich ist die auf die Historie des letzten Jahrhunderts basierende Interpretation des Faust l mit den zentralen Themen der Liebe, Wahrheit und dem Gut und Böse denkbar. Nur wird der direkte und einseitige Fokus Gilliams für ein Publikum, deren Zuschauer sich gerade in den heutigen politischen Zeiten zurückerinnert fühlen an früher, der Musik der Oper nicht gerecht. Die Inszenierung bildet so einen Gegensatz zu der vielseitigen, genre-übergreifenden und technisch anspruchsvollen Partitur von Berlioz und lenkt in groben Teilen sogar von der musikalischen Darbietung ab. Und das ist bei den drei herausragenden Solisten und dem großartigen, von Sir Simon Rattle geleiteten Orchester sehr bedauerlich.

Von Lorina Speder
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