Ein Gespräch mit Wang Quingsong // Berlin

Die neue Ausstellung im Berlin Museum für Fotografie beschäftigt sich mit Maos Kulturrevolution und deren Auswirkung auf die zeitgenössische chinesische Fotografie. Unter den 18 ausgestellten Künstlern befindet sich auch Wang Quingsong. Der in Peking ansässige Fotograf und Maler erlebte die Kulturrevolution nur als Kind – trotzdem sind seine Werke von ihr beeinflusst. Wangs Fotografien wurden schon in New York, auf der Biennale di Venezia und London ausgestellt. Die Bilder beschäftigen sich teilweise mit einem Augenzwinkern mit der chinesischen Gesellschaft, den westlichen Einfluss und Konsum. Im Gespräch beantwortete der Künstler dem Cluster zur Ausstellung ein paar Fragen.

@ Wang Quingsong

Wie sind Sie nach dem Studium zur Fotografie gekommen?

Ich komme aus einer kleinen Stadt aus der Heilangjiang Provinz. 1993 bin ich endgültig nach Peking gegangen – das war für meine Kunst wichtig. Ich habe zuvor Ölmalerei studiert. 1992 hat Deng Xiaoping die chinesische Politik zu einer sozialistischen Marktwirtschaft gebracht. Damit gingen viele Veränderungen einher. In meinem ersten halben Jahr in Peking habe ich noch gemalt. Dann ist mir aber aufgefallen, dass sich die Gesellschaft verändert hat. Die Preise für Lebensmittel hatten sich mehr als verdoppelt. Ich hatte das Gefühl, diese Veränderung und Schnelllebigkeit mit einer künstlichen Methode ausdrücken. So kam ich zur Fotografie. Seit 1996 benutze ich ausschließlich die Fotografie als Ausdrucksmittel.

Wie lebten Sie in Peking?

Peking war zu dieser Zeit in den 90er Jahren in Unruhe. Es kamen unglaublich viele Leute in die Hauptstadt. Ich musste in die Außenbezirke von Peking ziehen, es gab einfach keinen Platz mehr für Nicht-Pekinger. Ich habe in einem Künstlerdorf gewohnt, da bin ich viel hin- und hergezogen zwischen den Künstlersiedlungen.

@ Wang Quingsong @ GeKA e.V.

Sie gehören zu den größten zeitgenössischen chinesischen Fotografen – können Sie etwas über Ihre Anfangszeit in dem Kunstgenre erzählen?

Mitte der 90er Jahre war die Fotografie unter chinesischen Künstlern noch nicht weit verbreitet. Fotos hatten damals noch immer einen dokumentarischen Zweck. Ich versuche mit meiner Fotografie aber auch dokumentarisch vorzugehen. So stelle ich Szenen aus der Vergangenheit nach und verändere diese leicht – die Wanderung der chinesischen Gesellschaft soll so deutlich werden.

Benutzen Sie Photoshop oder andere Mittel zur Veränderung Ihrer Bilder?

Am Anfang fand ich digitale Technologien für die Fotografie interessant, deswegen habe ich sie ausprobiert. Nach ein paar Jahren haben es aber alle benutzt und Photoshop wurde Mainstream. Im Jahr 2000 habe ich deshalb aufgehört, Photoshop zu nutzen. Jetzt benutze ich eine traditionelle Technik. Das Bild “Konkurrenz” (2004) in der Ausstellung wurde nicht mit Programmen bearbeitet. Die Plakate auf dem Bild, das sind ca. 900, habe ich über einen Monat lang selbst gemalt. Das sind unterschiedliche Marken, die ich aus Zeitschriften gesammelt und ins Chinesische übersetzt hatte. Sie wurden nicht digital in das Bild geschnitten, sondern hingen wirklich an der Wand der Kulisse.

Welche Rolle spielt der westliche Einfluss auf China in Ihrem Werk?

Eine große Rolle. Die chinesische Gesellschaft wurde und wird durch den Westen massiv beeinflusst. Ich bin 1966 geboren, das heißt Maos Kulturrevolution fing da gerade an. Als Kind habe ich die Revolution anders als meine Eltern erlebt. Trotzdem denke ich, dass das Gefühl und die Gedankenwelt von damals mich sehr geprägt hat. Für mich ist die Kulturrevolution von damals mit einer westlichen Revolution seit den 90er Jahren vergleichbar.

Inwiefern?

Die Öffnung der Märkte ist wie die Kulturrevolution sehr plötzlich gekommen und hat gewissermaßen die Lebensbedingungen für die Chinesen verändert. Sie hat die Denkweise der Chinesen massiv beeinflusst und tut es noch heute. Für mich sind die westlichen Marken und die Markenwerte wie ein Brainwash. Als das erste McDonald’s in Peking eröffnet hat, standen 10.000 Leute stundenlang an, um dort essen zu gehen. McDonald’s galt als das beste und hochwertigste Essen – ich wurde sogar von meinem Dozenten dahin eingeladen. Wir saßen da drinnen und philosophierten über ernste Themen, genossen das Essen über zwei Stunden, weil es als so etwas besonderes galt. Alle waren der Meinung – Für mich ist das wie eine neue Propaganda.

Wie kam es, dass sie Ihre Meinung über McDonald’s Essen änderten?

1997 war ich das erste mal in London. Da habe ich einen Bauarbeiter auf der Straße beobachtet. Er ist mit seiner schmutzigen Arbeiterkleidung in ein McDonald’s gegangen. Für mich war das ein Schock. Ich verstand aber schnell, dass das “heilige” McDonald’s wirklich nur in den Köpfen der Chinesen so großartig ist. Darauf hin habe ich eine neue Arbeit namens “Thinker” (1998) angefertigt, die dieses Missverständnis thematisiert.

Das Gespräch führte Lorina Speder. Im Rahmen des Interviews und der Ausstellung erschien ein Artikel in Der Freitag.
Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s